Alwin Wagner gewinnt Diskus-Gold bei den Europameisterschaften

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Nicht Motivationsprobleme nach den WM-Siegen von San Sebastian und Linz, nicht die Konkurrenz und zum Glück auch nicht die verletzungsanfällige linke Wade konnten Alwin J. Wagner (PSV Grün-Weiß Kassel)  in dieser Saison stoppen. Und so avancierte der 55jährige Nordhesse nach den acht nationalen Titeln bei den deutschen Meisterschaften seit 2000 nach seinem beeindruckenden Sieg bei den Europameisterschaften der Senioren im polnischen Pozna zum erfolgreichsten Diskuswerfer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes in diesem Jahrhundert.

Nach seinem zweiten Platz bei den Europameisterschaften vor vier Jahren in Potsdam, durfte er in Posen endlich bei der Siegerehrung auf dem obersten Treppchen stehen. „Siegerehrung, Nationalhymne, Deutschland-Flagge, alle wichtigen Stationen meines Lebens sind wie im Zeitraffer an mir vorüber gezogen. Ich habe an alle gedacht, die mir geholfen haben. Es war eine tiefe, ernste Freude! Aber es war schön...“

Alwin J. Wagner,  der eine Woche vorher in Erfurt gegen die zum Teil elf Jahre jüngere Konkurrenz in Erfurt deutscher Meister in der M45 werden konnte, plagten in den letzten zwei Monaten nicht selten Selbstzweifel, denn die gesundheitlichen Beschwerden wollten nicht verschwinden. Aber der Orthopäde Dr. Gerd Rauch und Physiotherapeut Micha Seifert (Kassel) bekamen Wagner wieder hin und somit war der Pfad zum Gold fast geebnet. Die Sicherheit wuchs durch ein intensives Krafttraining von Woche zu Woche, denn vor seiner Verletzung hatte  Wagner gigantische Testwerte aufzuweisen. So warf er das 2,0kg Trainingsgerät aus dem Stand über 45 m oder schleuderte beispielsweise eine 2,0kg Kugel über 43 m weit.  Zwar fehlten dem Hauptkommissar in den letzten Monaten über 400 Trainingswürfe, aber das Gefühl für die Scheibe ging nicht verloren. Das Jahresziel mit dem Diskus legte er selbst zum Saisonbeginn  auf 50 m und mehr fest.  In Poznan war es dann soweit:  Nachdem sein langjähriger Weggefährte Tadeusz Laska aus Polen 46,84 m im ersten Durchgang vorgelegt hatte und damit vor Wagner (44,70 m) in Führung ging, konterte die Diskus-Legende aus Melsungen in seinem zweiten Versuch mit 48,48 m.  Im fünften Durchgang verbesserte sich Laska auf 47,48 m, doch unmittelbar danach schleuderte Wagner die Scheibe auf 50,01 m und sorgte wieder für klare Verhältnisse. Bereits nach dem Abwurf riss er die Arme hoch, jubelte und schrie sich seine Freude regelrecht aus dem Hals, denn es stand fest: keiner der Konkurrenten konnte bei diesen Temperaturen von über 35 Grad diese Leistung annähernd erreichen.  In zwei Wochen finden in Aachen die deutschen Seniorenmeisterschaften statt.

Und wieder wird es heißen:  „The same procedure as  every year, Mr. Wagner?“

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